Kiez-Kaffee mit ökologischem Rundgang auf dem sogen. Dragoner Areal

Am 11.07. luden die Stadteilinitiative WEM GEHÖRT KREUZBERG (WgK) und das in Gründung befindliche Bündnis Stadtnatur in Kreuzberg 61 unter dem Motto: Der Sommer ist da! zum Kaffeetrinken in den Kiezgarten vor dem Kiezraum auf dem sogen. Dragonerareal.

Bestes Wetter zum Zusammensein, Plaudern und Diskutieren über stadtpolitische Themen beim Verzehr der mitgebrachten Speisen und Getränke.

2020 07 11 01Als Premiere gab es zu diesem Termin einen ökologisch-geschichtlichen Rundgang über das Gelände. Die Idee kam von Angela Laich. Die langjährige Anwohnerin ist engagiert in dem Beteiligungsverfahren und hat mit weiteren Engagierten das 'Bündnis Stadtnatur und Wachstumswende in Berlin' gegründet. Der Fokus liegt auf Stadtnatur und dem Erhalt der Biodiversität mit ihrer Spontanvegetation, den Baumbeständen und seiner Artenvielfalt — auch hier im Rathausblock.

Im Mai startete das Bündnis einen Aufruf zur dauerhaften Erhaltung und der Nichtbebauung des Rathausgrundstückes als Grünfläche sowie dem angrenzenden „Dschungel“ — einem Spontanhabitat auf dem Areal. Mit Hilfe von Expert*innen starteten sie eine faunistische Untersuchung des Geländes und der Gebäude. Sie sehen den Zielinteressenskonflikt von Wohnbebauung und der einhergehenden Verdichtung zu Lasten der Stadtnatur und des Mikroklimas sowie die Auswirkungen auf den Beteiligungs- und Partizipationsprozess auf dem Gelände.
Bei diesem Rundgang stellten sie ihre ersten Ergebnisse vor. Eine Person von WgK ergänzte die historischen und städtebaulichen Aspekte beim Rundgang.

Mit den Teilnehmer*innen ging es vom Kiezgarten zu dem an das Rathausgrundstück angrenzenden, von den einen „Dschungel“, von den anderen liebevoll „Wäldchen“ genannten Spontanhabitat.
Dabei wurde die biologische Vielfalt mit den in den letzten Jahren entstandenen Lebensstätten und  Rückzugsräumen für zahlreiche einheimische Arten und mit den Auswirkungen in unserem dicht besiedelten Stadtteil auf das Stadtklima erläutert.

Im Anschluss  wurde auf einen Appell zum dauerhaften Erhalt der Rathausgrünfläche sowie des erwähnten „Dschungels“ aufmerksam gemacht und die Möglichkeit, es durch eine Unterschrift zu unterstützen, da das Thema Rathausgrünflächenbebauung noch immer nicht „vom Tisch“ ist und von „Seiten der im Verfahren beteiligten Strukturen“, Druck zur Bebauung aufgebaut wird. So läuft derzeit von Seiten des Bündnisses Stadtnatur und Wachstumswende in Berlin eine Unterschriftensammelaktion zur Unterstützung des Appells.

Listen lagen vor dem Kiezraum auf einem Infotisch aus und können unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! angefordert werden oder hier der Download der PDF-Datei zum Ausdrucken.

Danach ging es zum NO-Eingang der LPG, wo die bestehenden Gebäude erörtert und geschichtliches zum Januaraufstand 1919 ergänzt wurde.

Die nächste Station war die Südseite vom heutigen Club Gretchen und der LPG.

Dort ist in den Mauernischen des historischen, denkmalgeschützten Gebäudes entlang der gesamten Gebäudeseite eine größere Kolonie Haussperlinge am Nisten. Erläutert wurden die Lebensbedingungen dieser Tiere: ihre Standorttreue und der geringe Aktionsradius während der Brutzeit. So sind die Vögel auf die kleinen Habitate im Hof hinter dem Gretchen angewiesen. Ohne diese Lebensstätten können sie ihre Jungtiere nicht ernähren und beim Ausfliegen schützen.

Das Gleiche gilt auch für die Nordseite vom Club Gretchen und der LPG. Dort übernehmen teilweise Mauersegler die Spatzenbruthöhlen unterhalb der Fenstersimse.

Weiter ging es über die Obentrautstraße und zum Eingang neben dem Gebäude Nr. 23 wieder auf das sogen. Dragonerareal. Gezeigt wurden die Niststätten an der Brandwand dieses Gebäudes unterhalb des Daches. Dort finden sich: Haussperlinge, Mauersegler, Turmfalke und Haustauben.

Brisanz: hier ist ein Anbau an die Brandwand geplant, der 6 Brutpaare direkt aussperren und weitere 10 Brutpaare beim Einflug und bei den Jagdflügen stark behindern würde. Die benötigten Habitate als Lebensstätten werden, falls so gebaut werden sollte wie geplant, ebenfalls zerstört (Gebüsche entfernt).

Letzte Station war der Zaun beim Marmorwerk.
Dort wurde im Februar die Spontanvegetation stark gekürzt und im Juni nachgeschnitten. Das wirkt sich auf die Ansiedelung und aktuelle Beobachtungen von Arten im Vergleich zum Vorjahr/ Winter aus. Insgesamt ist das Gelände Jagdgebiet einer größeren Fledermauskolonie, Mauerseglern und Turmfalken.

In diesem Gebäude — heute Marmorwerk — früher eine Reithalle, waren laut neuesten Untersuchungsergebnissen auf über fünfzig Seiten im noch nicht veröffentlichten Denkmalpflegeplan von 1941-1945 im ersten Stockwerk nach heutigem Kenntnisstand männliche Zwangsarbeiter untergebracht.

Neugierig geworden?
Rundgänge können per Email angefragt werden über das Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder über die Stadtteilinitiative Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Appell zum Nachlesen


Fotos von Kappa Photo